Jedem Tierchen sein Pläsierchen

Man merkt, dass man älter wird, wenn man die aktuelle Mode nicht mehr versteht. Das sage ich nicht ohne eine gewisse Faszination, vor allem, was die Löcher angeht. Warum man Hosen und Pullis erst zusammennäht, um sie dann wieder auseinanderzureißen entzieht sich zwar meiner Kenntnis, aber ich habe Respekt vor der Tatsache, dass die Industrie es geschafft hat, Risse als wertsteigernd zu verkaufen. Muss man auch erst mal drauf kommen. Nun könnte man zwar sagen, wer bei Minustemperaturen eine Jeans mit zwei faustgroßen Löchern über den Knien trägt, der hat sie eben nicht mehr alle, aber so vermessen bin ich nicht. Denn zum einen ist Stil etwas sehr persönliches und als Ausdrucksform über jeden Zweifel erhaben. Zum anderen aber stamme ich selbst aus den wilden 90ern und wenn man ehrlich ist, sahen Baggy-Pants und übergroße Kappen auch scheiße aus, wenn man den Nostalgiefaktor abzieht. Natürlich bin ich weder ehrlich mit mir selbst noch würde ich das jemals zugeben, aber es sollte doch dafür sorgen, dass ich den Rissen gegenüber toleranter bin.                                                             ...hat nicht funktioniert. Hat den Kindern niemand gesagt, dass man sich bei Regen und Schnee schnell eine Erkältung holt? Zumal das, was sie für Schuhe halten, in den - ja, wilden - 90ern maximal als Socken durchgegangen wäre, und zwar als wirklich hässliche. Es gibt auch schöne Adidas-Sneaker, ihr Banausen.                                                                                                        Womöglich ist mein tiefsitzendes, inneres Unverständnis ja einfach evolutionär bedingt. Der Junglöwe muss sich vom Anführer des Rudels ja irgendwie abheben, und der hat seinen Rivalen dann auch gefälligst lächerlich zu finden, weil er sich anzieht wie ein Vollhorst. Der Junglöwe findet und erkämpft seinen Platz in der Welt, der alte kann chillen und gibt bis zum Ableben verschwurbelte Weisheiten und Ratschläge von sich, Win-Win. Das ist die Kunst des Erwachsenwerdens, das ist Samsara, das ist der Circle of Life, das ist Simba-und-Mufasa-Style und das versöhnt mich dann doch wieder irgendwie mit den Rissen.                                                                                                      In gewohnt hingebungsvoller Verstümmelung des Französischen hat der teutsche Volksmund aus dieser Erkenntnis ja ohnehin längst das ultimative Bonmot "Jedem Tierchen sein Pläsierchen" geformt, aber ich denke, das muss noch eleganter gehen. Der beste Rapper der Welt Chefket (wenn schon, dann Superlativ), der macht das hier oben schon ganz gut. Kein Wunder, ist ja auch in den 90ern aufgewachsen, wie alle großen Dichter und Denker.